Über Grenzen hinaus -Europakauffrau
Wie landet man als Bank-Azubi plötzlich in Estland als Praktikant? Die Antwort beginnt mit einer Entscheidung: die Zusatzqualifikation zur Europakauffrau.
Hallo, ich bin Sue, 25 Jahre alt, und Azubi im zweiten Ausbildungsjahr bei der Volksbank Stade-Cuxhaven. Ich habe mich für die Zusatzqualifikation zur Europakauffrau entschieden, die allen kaufmännischen Auszubildenen meiner Schule angeboten wird und parallel zur Ausbildung läuft.
So ist die Zusatzqualifikation aufgebaut
Die Zusatzqualifikation beinhaltet fünf Module: IHK-Business English, eine weitere Fremdsprache (in meinem Fall Spanisch), ICDL (Internationaler Computerführerschein), Lernfelder zu internationalen Geschäftsprozessen und als Highlight ein Praktikum im Ausland!
Im Englisch-Modul lernten wir, auf Englisch Telefonate zu halten sowie Briefe zu schreiben und wurden auf die IHK-Prüfung mit Hör-, Schreib- und Leseaufgaben sowie den mündlichen Prüfungsteil vorbereitet. Zudem wurden uns die Grundkenntnisse (A1-Niveau) von Spanisch beigebracht. Klingt zunächst einfach, ist aber nicht zu unterschätzen. Die DELE-Prüfung ist anspruchsvoll, wird von echten Spaniern abgenommen und in Madrid ausgewertet. Bei sehr guten Leistungen kann auch A2-Niveau angestrebt werden.
Tipp: Wenn zuvor eine zweite Fremdsprache mindestens fünf Jahre unterrichtet wurde und die Schule bereit ist, das Sprachniveau auszuweisen, kann man dieses Zertifikat auslassen, da eine Zweitsprache nachweislich vorliegt.
Beim internationalen Computerführerschein geht es um den sicheren Umgang mit gängigen Programmen wie Excel, Word, Outlook, Teams und PowerPoint sowie mit dem Computer allgemein. Darüber hinaus werden in den Lernfeldern zu internationalen Geschäftsprozessen Themen wie Marketing, Volkswirtschaft, Import und Export sowie Devisen behandelt.
Mein Highlight: Das Auslandspraktikum in Estland
Das vierwöchige Praktikum im europäischen Ausland wird entweder von der Schule organisiert oder kann auch selbst organisiert werden, etwa wenn Zweigstellen des eigenen Ausbildungsbetriebs im Ausland bestehen.
Im Fall meiner Schule standen folgende Länder zur Auswahl: Finnland, Malta, Portugal, Irland und Estland. Ich ließ mich überraschen und so wurde mir Estland vorgestellt. Anfangs war ich skeptisch. Vor allem wegen der angespannten Situation zwischen Russland und Ukraine. Vor Ort wurde ich allerdings vom Gegenteil überzeugt.

Die Esten sind uns kulturell sehr ähnlich und das Land selbst ist einfach wunderschön. Sehr viele Naturschutzgebiete, wunderschöne Naturlandschaften von Wäldern und Stränden bis zu Mooren und Klippen. Es ist das digital fortschrittlichste Land Europas und das trotz der geringen Einwohnerzahl von 1,34 Mio. und einer Fläche von ca. 45.000 km² (Zum Vergleich: Hamburg hat 1,97 Mio. Einwohner und Niedersachsen hat ca. 47.000 km² Fläche).
Vor Ort habe ich mein Praktikum in einem Pfandhaus absolviert. Ich durfte Goldschmuck in den Vitrinen einräumen, Artikel in Bestand und Online-Shop aufnehmen sowie Verpfändungs- als auch An- und Verkaufsgespräche mit Kundinnen und Kunden begleiten und Plagiate erkennen.
In Estland gelten Pfandhäuser gewissermaßen als Erweiterung des Bankensystems. Aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte gibt es nur wenige Bankfilialen, und die Kreditvergabe – insbesondere bei Dispositionskrediten – ist deutlich strenger als in vielen anderen europäischen Ländern. Für viele Einwohner wird der Gang ins Pfandhaus daher zu einer wichtigen finanziellen Option. Hinzu kommt, dass die Gehälter im Land vergleichsweise niedrig sind, während die Lebenshaltungskosten, etwa für Lebensmittel, durch den hohen Importanteil spürbar höher liegen als in Deutschland.
Fazit
In der ganzen Zeit habe ich gelernt über mich hinaus zu wachsen, selbstbewusster aufzutreten und habe meine Englisch-Kenntnisse auf ein neues Niveau gebracht.
Während der gesamten Zusatzausbildung unterstütze mich mein Ausbildungsbetrieb. Sie haben meine Prüfungen und Unterrichtsmaterialien bezahlt und mich für Prüfungen und den Auslandsaufenthalt freigestellt. Meine Ausbilderin war sofort Feuer und Flamme sich dafür einzusetzen mir diese Möglichkeit zu bieten. Hierfür bin ich sehr dankbar.
Die Anzahl an Unterrichtsstunden und den Aufwand für die Prüfungen gilt es nicht zu unterschätzen. Trotzdem würde ich allen diese Erfahrung empfehlen, da es nicht nur eine zusätzliche Qualifikation auf dem Lebenslauf ist, sondern vor allem eine Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit.
